Wort des Monats Juni 2015 Techtelmechtel

Das umgangssprachliche Lexem, das ursprünglich „Zank“, „unerlaubter Kunstgriff“ oder „Durchstecherei“ und erst wesentlich später „Liebelei“ bedeutete, ist wegen seines jüdischen Gepräges, vor allem wegen der Reduplikation, auch dem Nahbereich des Masematte-Wortschatzes zuzuordnen. Zweifellos war und ist die Reimdoppelung im mündlichen Jiddisch beliebt, auch wenn „Techtelmechtel“ in Wortverzeichnissen fehlt.

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Vgl. Christoph Gutknecht: »Vom Zank zur Affäre: Wie das ›Techtelmechtel‹ zum Synonym für Liebelei wurde«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 20 v. 13.5.2015, S. 17.

Wort des Monats Mai 2015 (aus) Daffke

„Daffke“ zählt zu den 100 häufigsten Hebraismen im Jiddischen. Der westjiddische Ausdruck, der auf das hebräische Wort „dawqa“, „davka“ mit den Bedeutungsnuancen „nur so (und nicht anders)“, „durchaus“ zurückgeht, ist über das rotwelsche „dafko“, das für „durchaus“, „absolut“ steht, ins Deutsche gelangt. Im Deutschen, nicht im Jiddischen, wurde neben dem Adverb auch das Substantiv „Daffke“ bekannt – seit dem 20. Jahrhundert gemeinhin in der als berlinerisch verorteten umgangssprachlichen Redensart „(etwas) aus Daffke (tun)“, im Sinne von „(etwas) nun erst recht, aus Trotz, nur zum Spaß (tun)“.

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Vgl. Christoph Gutknecht: »Alles nur aus Daffke: Wie eine hebräische Gewissheit zum deutschen Trotz wurde«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 12 v. 19.3.2015, S. 17.

Wort des Monats April 2015: Schickse, Schekez

„Schickse“ und „Schekez“ haben eine bunte Wortgeschichte. Das Substantiv „schéqes“ ist seit dem biblischen Hebräisch belegt, in der Bedeutung „Gräuel vor Unreinem“ (wörtlich 1. Buch Mose 3: „Kriechtier“). Im Jiddischen steht „Schejgez“/“Schegez“/“Schekez“ (Plural: „Schkózim“) für den nicht-jüdischen jungen Mann.

Die, verglichen mit dem männlichen „Schekez“, geläufigere weibliche „Schickse“ geht auf das Femininum „schiqesa“ (neuhebräisch „schiktso“ = „die Unreine“) zurück, das erst in nachantiker Zeit gebildet wurde. Es bezeichnete, wie später das jiddische „Schickse“ / „Schiggse“, zunächst ein nichtjüdisches Mädchen oder Dienstmädchen. Erst im Lauf der Zeit wurde die „Schickse“ semantisch zuweilen pejorativ ausgeweitet zum „leichten Mädchen“ oder „Flittchen“. Inzwischen ist der Begriff auch hierzulande nicht mehr nur negativ besetzt: Stolz nennt sich ein weiblicher Fanklub von Borussia Dortmund »Die BVB-Schicksen«.

(E?)(L?) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21468
Vgl. Christoph Gutknecht: »Schick, die Schickse: Das jiddische Wort für nichtjüdische Frauen gilt als beleidigend. Aber manche schmücken sich auch damit«, in: Jüdische Allge-meine, 70. Jg., Nr. 7, S. 17.

Wort des Monats März 2015: stickum stiekum

„stiekum“, „stickum“ entstammt dem Rotwelschen, wo es für „ruhig“, „leise“ stand. Es leitet sich vom westjiddischen „schtieke“ („ruhig“) her, das seinerseits auf das hebräische „schetikah“ („Schweigen“) zurückgeht.

Peter Honnen gibt in seinem Regionalwörterbuch des Rheinlands Kappes, Knies und Klüngel (2012) lebensechte Beispiele: »Dat hat der sich ganz stickum inne Tasche gesteckt. – Wat bisse so stickum – gehdet dir nich gut?«


(E?)(L?) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/21585

Vgl. Christoph Gutknecht: »Stieke und hintenrum: Vom hebräischen Schweigen zur deutschen Heimlichtuerei«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 9 (vom 26.2.2015), S. 17.

Wort des Monats Februar 2015: zocken, abzocken, Abzocker, Abzockerei, abgezockt

In Deutschland steht das umgangssprachliche „zocken“, auch im übertragenen Sinne, für „Glücksspiele oder riskante Börsengeschäfte betreiben“; im saloppen Gebrauch (vor allem bei Glücksspielen) für „risikofreudig agieren“; im Computerspieler-Jargon für „(ein Computer- oder Konsolenspiel) spielen“.

Die Entlehnung erfolgte über das Rotwelsche: Dort steht „zchokken“ für „lachen“ – es leitet sich vom westjiddischen „zchoken“ („lachen“) her, welches seinerseits dem hebräischen Lexem „sehoq“ (für „spielen“, eigentlich „lachen“) entstammt. Beim attributiv, prädikativ und adverbial gebrauchten Adjektiv „abgezockt“ deutet die Verwendung – auf den Sportbereich bezogen – auf eine neutrale bis anerkennende Einstellung des Sprechers: »Wir haben allesamt durch unsere Auftritte im Europapokal viel dazugelernt und sind wesentlich abgezockter geworden.

« Bezieht sich „abgezockt“ auf Bereiche wie Wirtschaft, Kultur oder Politik, so zeigen die Belege meist eine negativ-abwertende Sprechereinstellung: »Was haben wir ihm (dem Banker) nicht alles angedichtet? Abgezockter Yuppie, eiskalter Betrüger, neureicher Blender« (Die Zeit 38/1995).

Wort des Monats Januar 2015: dufte und taff

Dass „dufte“ sich vom hebräischen und jiddischen „tow“ (= „gut“) herleitet, gilt als gesichert. Das Adjektiv hat, vornehmlich in Berlin, schon Mitte des 19. Jahrhunderts Karriere gemacht. Als sogenanntes »Entzückungswort« war es damals umgangssprachlich ähnlich populär wie die heute nicht mehr nur jugendsprachlichen Modeausdrücke „geil“, „krass“ oder „cool“.

„Dufte“ gilt heute eher als »uncool« oder »kontrageil« und wurde längst unter anderem durch „taff“ ersetzt, das nicht, wie manche glauben, dem englischen Adjektiv „tough“ (= „zäh“) nachgebildet ist, sondern eher das alte jiddische „toff“ wieder belebt.

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Vgl. »Ick find dir dufte: Was auf Hebräisch gut ist, entzückt auch im Umgangsdeutsch«, in: Jüdische Allgemeine, 69. Jg., Nr. 51 (v. 18.12.2014), S.17.

Wort des Monats Dezember 2014: Kaff Kaffer

Kaffer und Kaff

Bei der Bedeutung des abwertenden Begriffs „Kaffer“ sind sich die großen Lexika einig. Im Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache (2004) lesen wir „dummer Kerl“, „Tölpel“, im Duden-Universalwörterbuch (2006) „Dummkopf“, „blöder Mensch“.

Wie viele andere deutsche Verbalinjurien stammt auch der „Kaffer“ aus dem Jiddischen. Zur Etymologie des Worts schreibt Klepschs Westjiddisches Wörterbuch (2004), zu dem schon in der Bibel belegten Substantiv „kefar“ (= „Dorf“) werde »erst in einer nachantiken Stufe des Hebräischen das Adjektiv „kafrî“ (= „dörflich“, „ländlich“) gebildet. Dieses wird im Jiddischen als Substantiv „Kaffri“ oder „Kaffer“ (= „Bauer“, „Dorfbewohner“) verwendet«.

Ob der „Kaffer“ etwas mit dem „Kaff“, dem elenden Nest, zu tun hat, war lange umstritten. Als mögliche Wortwurzel bietet sich eine Rückbildung von „Kaffer“ an oder eine Rotwelsch-Prägung vom hebräischen Buchstaben „kaph“ – als Kürzel für das westjiddische Wort „kephar“ (= „Dorf“).

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20821

Vgl. »Von Käffern und Kaffern: Wie aus dem biblischen Dorf eine deutsche Verbalinjurie wurde«, in: Jüdische Allgemeine, 69. Jg., Nr. 48 (v. 27.11.2014), S.17.

Wort des Monats November 2014: Nebbich

„Nebbich“ ist einer der schillerndsten jiddischen Begriffe. Woher stammt er und was bedeutet er? Alfred Klepsch (Westjiddisches Wörterbuch, 2004) optiert für die Rückführung auf das althochdeutsche „ni eo wiht“ beziehungsweise das mittelhochdeutsches „niwiht“ (für „nichts“). Avé-Lallemant leitet „nebbich“ / „newich“ von der böhmischen Affirmativpartikel „nybrz“ ab, zur Betonung des Ausdrucks im Sinne von „ja“, „fürwahr“, „wirklich“; „nebbich“ diene im Jüdischdeutschen gewöhnlich als verstärkender Ausdruck des Bedauerns und Mitleids: „er ist nebbich chole“ für „er ist leider krank“. Andere Linguisten deuten auf die polnische Interjektion “ nieboze“ (= „nicht Gott“) für „ach Gott!“; „armes Ding“; „leider“; „tut mir leid“. Der mehreren Wortarten angehörende Begriff tritt als Interjektion, als Adverb, selten als Adjektiv – oft aber als maskulines Substantiv auf. In dieser Form bezeichnet er „dummes Zeug“, meistens aber den „Versager“.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20467
Vgl. Christoph Gutknecht: »Nebbich e Wort: Woher stammt einer der schillerndsten jiddischen Begriffe? Und was bedeutet er?, in: Jüdische Allgemeine, 69. Jg., Nr. 42 (v. 15.10.2014), S.17.

Wort des Monats Oktober 2014: Chonte

(E1)(L1) http://www.etymologie.info/

„Chonte“, in Deutschland nicht mehr sehr bekannt, in Österreich schon eher.

Das Wort „Chonte“ sucht man heute vergeblich in Nachschlagewerken. Allein Heinz Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache (1990) gibt den Hinweis: »(jüdische) Prostituierte; fußt auf der gleichbedeutenden und gleichlautenden jiddischen Vokabel«. Peter Wehle nannte in Die Wiener Gaunersprache (1977) „Chonte“ (mit der Variante „Chunne“) eines jener »immer seltener werdenden Rotwelschwörter«. Das Lexem „Chonte“ entstammt dem Hebräischen. Auffällig ist, dass es in deutschen Dialekten, die jiddische Ausdrücke sonst gern entlehnten, nicht auftaucht – abgesehen vom mundartlich-hessischen „Chondelchen“ für „leichtsinniges, leichtes Mädchen“.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20120/highlight/Chonte

Vgl. Christoph Gutknecht: »Die geheimnisvolle Chonte: Woher das das jiddische Wort für ›Hure‹ stammt, darüber streiten die Experten«, in: Jüdische Allgemeine, 69. Jg. , Nr. 36 (v. 4. 9. 2014), S.17.

Wort des Monats September 2014: Gauner

(E1)(L1) http://www.etymologie.info/

Das „G“ am Anfang ist vergleichsweise neu. Ursprünglich war der „Gauner“ ein „Jauner“.

Das ursprüngliche „J“ am Wortanfang verweist auf die Herkunft aus dem Hebräischen. Nach einer Lesart ist die Wurzel das hebräisch-aramäische Verb „janah“ (= „niederschlagen“, „beim Geschäft drücken“ / „beim Geschäft übervorteilen“). Plausibler allerdings ist die These des aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammenden Wiener Juristen und Philologen Alfred Landau (1850–1935). Er führte „Gauner“ erstmals auf das hebräische Wort „jawan“ (= „Grieche“, eigentlich „Ionier“) zurück, das sich abwertend auf die nach der türkischen Eroberung Konstantinopels (1453) heimatlos umherziehenden Griechen bezog.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19892
Vgl. »Vom Griechen zum Gauner: Wie aus dem Ionier über das Hebräische der deutsche Betrüger wurde.«, in: Jüdische Allgemeine, 69. Jg. , Nr. 32 (v. 7.8.2014), S.17.