Hervorgehobener Artikel

Gauner, Großkotz, kesse Lola – deutsch-jiddische Wortgeschichten

Schlamassel, Pustekuchen, Saure-Gurken-Zeit – etliche deutsche Begriffe und Redensarten stammen ursprünglich aus dem Jiddischen. In 64 vergnüglichen Wortgeschichten erklärt der Sprachexperte Christoph Gutknecht, woher Begriffe wie Pleite, Großkotz oder Mammon kommen und was sie ursprünglich bedeutet haben. Dabei zeigt sich, dass das jiddische Sprachgut über die Einfallstore Berlin und Wien ins Deutsche gelangte und das Deutsche um viele Ausdrücke bereichert hat.

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Gutknecht: Gauner, Grosskotz, kesse Lola, Berlin: Bebra Verlag, 2016, 256 S., 12,95 €.

Gutknecht: Gauner, Grosskotz, kesse Lola, Berlin: Bebra Verlag, 2016, 256 S., 14 €.

 

 

Wort des Monats März 2016: Mensch Mentsh Mensh Mentsch

Der Kolumnist Richard Cohen ernannte 1986 in der Washington Post „Mensch“ zum größten Geschenk des Jiddischen an die englische Sprache. US-Zeitungen basteln daraus immer wieder eigene Wortschöpfungen wie „menschy“, „menschyness“ und „mentshkeit“.

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/
Vgl. Christoph Gutknecht: Gauner, Großkotz, kesse Lola: Deutsch-jiddische Wortgeschichten, Berlin 2016: Edition q im Be.bra Verlag, S. 100.
(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/702-gauner-grosskotz-kesse-lola.html

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/images/Vorschau/Vorschau_Fj2016_Ansicht-gesamt.pdf

Wort des Monats Februar 2016: Geschmus

„Geschmus“ stammt aus dem Jiddischen. Mit „Liebkosungen“, für die man es auf Deutsch verwendet, hat der Begriff ursprünglich nichts zu tun. Das hebräische „schemuá“ heißt „Gerücht“ oder „Geschwätz“. Auf Jiddisch steht das Verb „schmusen“ für „freundschaftliche, vertrauensvolle Plauderei“.

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/
Vgl. dazu Christoph Gutknecht: Gauner, Großkotz, kesse Lola: Deutsch-jiddische Wortgeschichten. Berlin 2016: be.bra verlag.

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/702-gauner-grosskotz-kesse-lola.html
(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/images/Vorschau/Vorschau_Fj2016_Ansicht-gesamt.pdf

Wort des Monats Januar 2016: Gannef

Das Wort „Gannef“ verwenden unsere südlichen Nachbarn seit dem 19. Jahrhundert. Robert Sedlaczeks Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs führt es noch 2011 für „Gauner“, „Schlingel“ auf. Es ist aus dem Rotwelschen entlehnt, wo es seit dem 18. Jahrhundert bezeugt ist, das Verb „genffen“, „geniffen“ (= „stehlen“) schon seit dem frühen 16. Jahrhundert. Hergeleitet ist es vom westjiddischen „gannew“, das auf dem gleichbedeutenden hebräischen Wort „gannâbh“ (= „Dieb“) basiert.

http://www.bebraverlag.de/
Vgl. dazu Christoph Gutknecht: Gauner, Großkotz, kesse Lola: Deutsch-jiddische Wortgeschichten. Berlin 2016: be.bra verlag.

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/702-gauner-grosskotz-kesse-lola.html

(E?)(L?) http://www.bebraverlag.de/images/Vorschau/Vorschau_Fj2016_Ansicht-gesamt.pdf

Wort des Monats Dezember 2015: Das ist alles Essig das ist Essig

Die Redewendung „es ist Essig“ charakterisiert der Duden als umgangssprachlich und deutet sie – ebenso wie das Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache (2004) – im Sinne von „es ist vorbei“, „daraus wird nichts mehr“, „etwas kommt nicht mehr zustande“. Leicht modifiziert klingen die Varianten in Frankfurt („Es war awwer Essig“ = „es war umsonst“, „es war nichts“) und in Berlin („det is Essig“ = „unangenehm“, „schlecht“). Das Duden-Herkunftswörterbuch (1989) ergänzt, dieser übertragene Gebrauch habe sich erst im Neuhochdeutschen herausgebildet.

Gewiss wird Wein bei zu langer Gärung zu Essig und verliert damit seinen Wert, was sich u.a. in der Pfälzer Weinbau-Metapher „des is zu Essich worre“ niederschlägt. Doch der Ursprung der Redensart hat nichts mit Weinbau, aber viel mit dem Geschäftsleben zu tun. Der Frankfurter Ausspruch: „Des is kaa Essig net“ zeigt, dass deutsche Juden das jiddische Wort „heisik“ (rabbinisch: „hêsek“) im Sinne von „Schaden“, „Verlust“ gebrauchten.

Vgl. dazu: Christoph Gutknecht: Gauner, Großkotz, kesse Lola: Jiddisch-deutsche Wortgeschichten. Berlin 2016: be.bra verlag.

http://www.etymologie.info/~e/_e/_e-wwdmon.html

Wort des Monats November 2015: Schlafstunde

Dieses Wort, das im Hebräischen den „Mittagsschlaf“ bezeichnet, gehört – neben „Spachtel“, „unter Putz“, „Isolierband“, „Beton“, „Gummi“, „Dibel“ (= „Dübel“), „Leiste“, „Schieber“ (= „Regler“), „Stichmaß“, „Erdung“, „Kurzschluss“, „Kugellager“, „Oto“ (= „Auto“), „Winker“ (= „Blinker“) etc. – zu den vom israelischen Dolmetscher und Übersetzer Uriel Adiv seit 2006 dokumentierten deutschen und jiddischen Lehnwörtern im Iwrit. Vom Computerlexikografen Dr. Peter Meyer am Institut für Deutsche Sprache (IDS) wurde seine über 500 Einträge umfassende Sammlung überarbeitet. Am 30. September dieses Jahres wurde sie als Internetwörterbuch auf der Online-Plattform »Lehnwortportal Deutsch« des Instituts für Deutsche Sprache (http://lwp.ids-mannheim.de) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

(E?)(L?) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23374
Vgl. Christoph Gutknecht: »Spachtel, Strudel, Schlafstunde. Ein Online-Wörterbuch mit 1500 Einträgen dokumentiert Germanismen im modernen Hebräisch«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 39-40 v. 25.9.2015, S. 23.

(E?)(L?) http://lwp.ids-mannheim.de
(E?)(L?) http://lwp.ids-mannheim.de/letter/hebr/A

Worte des Monats Oktober 2015: kapores, kaputt

Das heute nur noch selten synonym zu »kaputt« benutzte »kapores« entstammt dem westjiddischen Ausdruck »kapores shlogn«, der auf den am Vorabend von Jom Kippur durchgeführten Brauch zielte, Hühner als Sühneopfer um den eigenen Kopf zu schwingen und später zu schlachten. Das hebräische »kapara(h)« stand dabei für »Sühne«, »kaparot« für »Versöhnung«.
Im Rotwelschen ist das Lexem seit dem 18. Jahrhundert bezeugt: »Capores/capore machen« übersetzten das Duisburger Vocabular (1724) und das Waldheimer Lexikon (1726) als »(er)morden«. Die Rotwelsche Grammatik (1755) deutete »Kabbores gehen« als »ums Leben kommen«. J. K. von Trains Woerterbuch der Gauner- und Diebs vulgo Jenischen Sprache (1833) erwähnt »kapores« für »leblos, tot«, »kapore teken« für »Sühneopfer darbringen« und – durchaus prosaisch – »kapores malochnen« für »vertilgen«.
E. W. Germers Schrift Das Studentenkorps Vandalia (1859) aus Leipzig zeigt, dass »kapores sein« (für »kaputt sein«) über das Rotwelsche in die Studentensprache gelangte. Noch heute gibt der Duden für »kapores gehen« die Bedeutung »entzwei gehen« an, attestiert ihm aber eine geringe Häufigkeit.

Vgl. »Pleite, bankrott, kaputt: Wie ›kapores‹ vom Sühneopfer an Jom Kippur über die Handelssprache in den Alltagswortschatz überging«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 37-38 v. 10.9.2015, S. 17.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23269

Worte des Monats September 2015: mosern und dibbern

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts charakterisiert „mosern“ im Sinne von „quengeln“, „nörgeln“ als landschaftlich und salopp. C. W. Zimmermann definierte das Wort in „Die Diebe in Berlin“ (1847) als „sprechen“, auch „kaspern“, „sich durch Klopfen an die Wand den Mitgefangenen verständlich machen“ und setzte „vermosern“ gleich mit „verpfeifen“, „jemanden durch seine Angaben oder Geständnisse dergestalt hineinreiten, dass derselbe für überführt erachtet wird“. Im Jiddischen gab es „massren“ für „anschwärzen“ und das Substantiv „Mosserer“ („Denunziant“).

Das seit dem 15. Jahrhundert bezeugte Wort „dibbern“ wurde über das Rotwelsche und die Händlersprachen aus dem Westjiddischen entlehnt. H. Sterns „Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten“ (2000) beleuchtet das semantische Spektrum von „dibbern“ – vom standardsprachlichen „leise auf jemanden einreden“ über die Deutung als „zanken“ (Rheinisches Wörterbuch) bis zur Auslegung als „nörgeln“ (Hamburgisches Wörterbuch).

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23161

Vgl. Christoph Gutknecht: »Mosern ist nicht gleich Mosern: Der jiddischstämmige Begriff hatte über die Jahrhunderte unterschiedliche Bedeutungen«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 35 v. 27.8.2015, S. 17.

Wort des Monats August 2015: Hals- und Beinbruch

Es gab viele Deutungen dieses eigenartigen Wunsches. Salcia Landmann führte in ihrem Buch Jiddisch. Abenteuer einer Sprache (1962)
zur richtigen Lösung : »Die meisten vermuten hier den alten Aberglauben, wonach man das Gute nur herbeibeschwören kann, indem man scheinbar das Böse herbeiwünscht. Tatsächlich ist es abermals das Rotwelsch, genauer: reines Hebräisch, heißt ursprünglich ›hazlóche un bróche‹ (hazlachá = Glück und b’rachá = Segen) und wird auch heute noch von Juden in dieser ursprünglichen Formel hebräisch wie jiddisch oft verwendet.« Deutsche Zuhörer bewahrten die missverstandene Glücksformel in verballhornter Form als »Hals- und Beinbruch«.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22853

Vgl. Christoph Gutknecht :»Viel Glück und viel Segenl Wie die hebräische Redewendung ›Hazloche un Broche‹ über Umwege zu ›Hals- und Beinbruch‹ wurde«, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 30 v. 23.7.2015, S. 17.

Wort des Monats Juli 2015: Zoff

„Zoff“ leitet sich aus dem hebräischen Substantiv „Sof“ her – mit der Bedeutung („Ende“, „Schluss“), die auch im Jiddischen üblich ist, wobei dort aus dem Gaunervokabular oft die Nuance „Schluss der Untersuchung“ mitschwingt.

Die hebräischen Lettern „Sin“ und „Samech“ werden im Jiddischen wortanlautend vereinzelt statt als Reibelaut „s“ auch als Affrikate „ts“ artikuliert. Bei „Zoff“ und „Sof“ entwickelten sich die Varianten auch semantisch auseinander. Während „Sof“ die quellsprachliche Bedeutung „Ende“ behielt, wurde „Zoff“ in der Umgangssprache der Christen ausschließlich in seiner metonymischen Bedeutung „Streit“ verwendet. Der Bedeutungswandel im Deutschen wird auf den jiddischen Ausdruck „mieser soff“ („böses Ende“) zurückgeführt.

(E?)(L?) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22472
Vgl. Christoph Gutknecht: „Bloß keinen Zoff! Wie das hebräischstämmig Wort vom jiddischen Gaunervokabular Eingang in unseren Wortschatz fand“, in: Jüdische Allgemeine, 70. Jg., Nr. 24, vom 11.6.2015, S. 17.